Steven Wilson
To The Bone
Wie alles, was der Brite in Angriff nimmt, war auch der Weg zu diesem Album clever geplant. Die Compilation “Transience”, die er kurz nach seinem Interimsalbum “4 ½” veröffentlichte, sollte die zugängliche Seite in seinem Schaffen zeigen. Die wiederbelebte Zusammenarbeit mit Aviv Geffen und dem fünften Blackfield-Album war eine Lektion in gefälligem, dennoch smartem Pop-Rock. Vom Neoprog-Spezialistenlabel Kscope wechselte er zum Major Caroline. Auch die meisten Musiker-Namen seiner Band verschwanden aus den Meldungen rund um Wilsons Aktivitäten. Lediglich die musikalische Partnerschaft mit der Sängerin Ninet Tayib blieb sichtbar, nicht zuletzt mit der Veröffentlichung des Gänsehaut-Duetts “Pariah”. Zusammen mit dem sinisteren Sophie-Hunger-Feature im Massive Attack-Gewand des “Song Of I” wurde das Bild der Platte deutlicher, die da kommen sollte. Wilson selbst schickte dem Werk voraus, dass er sich auf die Über-Alben seiner Jugend besinnen wollte: Peter Gabriels “So”, Talk Talks “Spirit Of Eden” und Tears For Fears’ “The Seeds Of Love”. Dass die Platte ein Wagnis ist, beweist die auf Prog konditionierte Hörerschaft bereits eindrucksvoll mit universeller Verunsicherung wegen der Single “Permanating”, einem Diskohybriden zwischen Abba, Kylie Minogue und Elton John.
Dennoch: “To The Bone” ist nicht nur das erste Pop-, sondern auch das musikalisch stimmigste Album, das Wilson schreiben konnte. Das Zurückfahren musikalischer Virtuosität zugunsten einer 80er-Artpop-Ästhetik macht Songs wie “Refuge” oder “Song Of Unborn” eindringlich und herzzerreißend, ohne sich in komplizierten Strukturen zu verlieren oder Solisten eine Bühne bieten zu müssen. Sowohl das Titelstück als auch “Nowhere Now”, “People Who Eat Darkness” oder “The Same Asylum As Before” sind geradeaus gespielte Rocksongs, die einem nach zwei Durchläufen nicht mehr aus dem Ohr wollen. Das Intermezzo “Blank Tapes” sowie das neunminütige “Detonation” könnten als Rückverweise in den Progressive Rock gesehen werden, allerdings in denkbar kleinen Dosen. Nein, dieses Album ist nicht die Steigerung von “Hand.Cannot.Erase”, auch keine Rückbesinnung auf “Grace For Drowning” oder eine Rückkehr in den Alternative Metal früherer Porcupine Tree – also all das, was sich sentimentale Fans irrational herbeiwünschen. Was “To The Bone” allerdings werden kann, ist eines der besten Pop-Alben des Jahres.
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