Ein Wechselbad der Gefühle, das: Erst brutale Freude über die Ankündigung der Rückkehr. Dann gewaltige Ernüchterung beim ersten Lauschen der Platte. Sind das noch Helmet? Meine Helmet, die Götter des durchschießenden Stakkato-Blues, jetzt fröhlich planschend im poppy Riff-Bad? Und jetzt, nach vielmaligem Kontakt über Wochen: doch Zufriedenheit. Erbauung. Und mal wieder die Erkenntnis, dass manche Platten eben eine Weile brauchen, bis sie sich festbeißen. Exakt das tut “Size Matters” – mehr, als manch einem lieb ist. Es ist ein schmaler Grat, auf dem Page Hamilton und seine neue Prügeltruppe wandelt. Melodien, die gefährlich nah am zeitgenössischen Big-Player-Rock entlang schrammen, Gitarrensoli aus der Slash-Schule, anstelle kantig krummen Knallern und versch(r)obenen Takt-Spielereien überwiegend stoisches Geradeausfahren auf der Modern-Alternative-Straße. Alles Dinge also, die den gewieften Helmet-Hörer gemeinhin zum Würgen bringen. Und doch: Es funktioniert. Schon nach kurzer Zeit verlieren sich die Papa Roach– und Godsmack-Assoziationen, die Musik gewinnt an Eigenständigkeit, Kick, Intensität, Gänsehaut. Und, noch wichtiger: Glaubwürdigkeit. Ja, man beginnt Page abzunehmen, dass er 2004 einfach so klingen möchte. Weil er’s lebt. Weil er’s schreibt. Doch vor allem: Weil er’s kann. Denn losgelöst betrachtet von Kult-Status und aller Band-Patina ist das hier einfach eine sehr drückende, überzeugende Rockplatte. Kurzum: Verständnis für jeden, der sich die alten Helmet zurück wünscht. Mich hingegen kriegt’s. Vielleicht nur deshalb, weil man das auch will. Sind schließlich Helmet.
10/12 Sascha Krüger
Jahrelang hat uns immer mal wieder die eine Frage beschäftigt: Was macht eigentlich Page Hamilton? Jetzt, wo er tatsächlich ein neues Album unter dem alten Helmet-Banner aufgenommen hat, wissen wir’s: Nicht viel Neues. “Size Matters” besteht in erster Linie aus raubeinigem Riffrock, der nüchtern betrachtet ganz okay geht, sich für alte Helmet-Fans dennoch komisch anfühlen dürfte. Denn wo einst mathematisch lineare Songstrukturen vorherrschten, schleichen sich heuer bei “See You Dead” oder “Enemies” schon mal Melodielinien ein, die man sonst eher Bands Godsmack oder Papa Roach zuordnen würde, in “Unwound” gibt es gar ein Gitarrensolo der Marke Guns N’ Roses. Zumindest in der ersten Hälfte ist “Size Matters” eindeutig mehr Alternative- als Noise-Rock – und obwohl weiter hinten platzierte Songs wie “Surgery” oder “Speak And Spell” durchaus Charakterzüge der “alten” Helmet tragen, bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Denn so löblich und logisch Hamiltons Versuch, alte Stärken mit neuen Ansätzen zu kombinieren auch sein mag: Der Vorwurf der Gefälligkeit ist nicht von der Hand zu weisen. “Size Matters” ist kein schlechtes, aber ein beliebiges Album und auch wenn Hamilton seine eigene Legende nicht zerstört: er kratzt daran.
6/12 Alexandra Brandt
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