So ein Spagat muss einer Band erst mal gelingen: Der erste “Sunbather”-Song “Dream House” ist härtestes Gemetzel. Die flächige, schrammelnde Gitarre von Kerry McCoy trifft auf das fiese Gekeife von George Clarke. Der neue Schlagzeuger Daniel Tracy prügelt dazu unbarmherzig auf Snare und Becken ein, bis er feststellt, dass er die Doppelfußmaschine bisher sträflich vernachlässigt hat. All das ist schmerzhaft laut, aber klar produziert. Trotz dieser Brutalität fühlt sich der Anfang von “Dream House” wie der Moment an, wenn einem nach langer Zeit im Schatten ein Sonnenstrahl auf die Haut fällt und sich die Härchen am Arm aufstellen. “Sunbather” ist, was sein Name verspricht: wohlige Wärme. Denn was die Melodien angeht, die durch das Gemetzel schimmern, sind Deafheaven klanglich nah an Bands wie Envy oder Sigur Rós, die ruhigeren Passagen erinnern zum Teil an die simple Schönheit, die Mogwai auf ihren Platten in Töne fassen. Deafheaven ziehen keine Trennlinie zwischen Black Metal und dem, was musikalisch üblicherweise im Postrock passiert. Das knapp 15-minütige “Vertigo” beginnt mit unverzerrter Gitarre und viel Atmosphäre; es hat einen ruhigen Puls. Dieser Anfang könnte genauso gut von einem Jeniferever-Album stammen. Nach ein paar Minuten dreht die Band auf, geht über in härteren Postrock und später zu Blastbeats, ohne dass diese Übergänge unnatürlich wirken würden, ganz im Gegenteil. Deafheaven springen hier von einem Genre ins nächste, als hätte es nie jemand anders gemacht. Spätestens jetzt, auf ihrem zweiten Album, hat die Band Black Metal komplett auseinandergenommen, das weggeworfen, was ihr nicht passt, und die Lücken mit Emotionen gefüllt. Herausgekommen ist dabei das wärmste Album des Genres aller Zeiten und eines der abwechslungsreichsten obendrein. “Sunbather” besteht aus vier langen Songs, von denen der kürzeste neun, der längste 15 Minuten lang ist. Getrennt werden diese Songs durch drei kürzere Zwischenstücke: “Irresistible” ist ein versöhnliches Gitarren-Klavier-Stück, das mit seiner Ruhe dazu anregt, das eigene Leben von Grund auf zu überdenken. “Please Remember” und “Windows” erinnern mit ihren Zitaten und Geräuschen an die experimentellen Sound-Collagen von Godspeed You! Black Emperor. “Sunbather” wäre aber nicht das großartige Album, das es ist, würden all diese Songs nicht zu einem großen, 60-minütigen Ganzen verschmelzen.
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