Album der Woche

Scowl Are We All Angels

VÖ: 04.03.2025 | Label: Dead Oceans/Secretly/Cargo
Text: | Erschienen in: VISIONS Nr. 385
Scowl - Are We All Angels

Scowl bleiben Hardcore und komponieren doch nach ihren eigenen Gesetzen.

Dogmatiker mag das stören. Sollen sie eben das Sellout-Kärtchen zücken. Gerade durch Bands wie Scowl bekommt die oft engstirnige, traditionsverhaftete Szene endlich die Frischluft, nach der ihre muffenden Youth-Of-Today-Shirts verlangen. Nachdem in den vergangenen 15 Jahren erst Black Metal dank aufgeschlossener Vertreter einen dritten bis vierten Frühling erlebt hat und parallel Shoegaze zu Blackgaze, Nugaze und Post-Hardcore-Gaze mutiert ist, erlebt auch Hardcore seit einigen Jahren eine Renovierung.

Die Superstars dieser Bewegung sind Turnstile. Dahinter wimmelt es von aufgeschlossenen Bands, die die Insignien der alten Schule mit Elementen aus 90s-Indie, College Rock, Emo, Pop-Punk, Electronica, HipHop und vielem mehr verquirlen. Neben Militarie Gun, Angel Du$t, Drug Church, Anxious und Fiddlehead schließt gerade die FLINTA*-Szene auf. Destroy Boys, Mannequin Pussy, The Pill, Upchuck, Gouge Away, Mugger, Filth Is Eternal, Gel, Punitive Damage: Die Liste mit Bands, die von Frauen oder Queers angeführt werden, ist lang. Scowl sind ganz vorne mit dabei.

Nach zwei EPs, einem Album und diversen Songs verpackt hinter süßen, farbenfrohen Artworks präsentiert sich die Band seit 2019 von ihrer guten Seite: mit Positive Mental Attitude, wie sie 7 Seconds und Youth Of Today und zuletzt etwa die gut mit Scowl befreundeten Thrash-Crossover-Hardcore-Band Drain versprühten.

Beide Bands stammen aus Santa Cruz. Da ist es sonnig, die Surf- und Skate-Kultur ausgeprägt. Dass Scowl (zu Deutsch etwa: finsterer Blick) trotzdem ihre düsteren Seiten haben, verrät Sängerin Kat Moss allein durch ihr teils fieses Shouting. Während das die frühen, meist einminütigen Songs der Band dominierte, sucht “Are We All Angels” (ohne Fragezeichen) sein Glück in der Variation und – Spoiler! – findet es. Moss kann selbstverständlich auch singen, ihre vier Mitstreiter Songs über zwei und sogar drei Minuten schreiben.

Manchmal braucht es diese Zeit, denn Themen wie Entfremdung, Kummer und Kontrollverlust lassen sich nicht immer auf wenige Sekunden und Zeilen herunterbrechen. Und sie mit mitreißenden Hooks zu garnieren, ist doch viel verführerischer. So wie in “Suffer The Fool” mit der schönen Frage „How high are you?“. Oder “B.A.B.E.” mit seinen Dynamikwechseln und Stimmungs- beziehungsweise Stimmenwechseln. Und dann ist da das melancholische “Fantasy”, in dem Moss verarbeitet, wie sehr sie die Szene liebt, von der sie Teil ist, während sie sich manchmal eben doch Entfremdung und Hass ausgesetzt sieht. Von uns bekommen Moss und Scowl nichts als Liebe!

Das steckt drin: Destroy Boys, Mannequin Pussy, Neighborhood Brats

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